Die Geister die ich rief…

2025

Installation


installation

Die Geister, die ich rief…

oder: Eine utopische Transformation in Anlehnung an die Geschichten aus 1001 Nacht

Im Zentrum dieser künstlerischen Arbeit steht erneut das Medium Zeitung – traditionell Träger von Information, Meinung und Weltgeschehen. Doch in dieser Installation wird sie ihres ursprünglichen Zwecks enthoben. Statt Realität abzubilden, wird sie zum Symbol kollektiver Überforderung, medialer Erschöpfung und gesellschaftlicher Ohnmacht. Die Schlagzeilen – gefüllt mit Nachrichten über Krieg, Krise und Klimakatastrophen – werden vollständig geschwärzt, unleserlich gemacht. Eine bewusste Geste der Verweigerung. Eine Auslöschung des Sichtbaren – nicht aus Ignoranz, sondern aus dem tiefen Bedürfnis nach Transformation und innerem Innehalten.

Die erste vage Idee zur Arbeit entstand zu Beginn des Jahres 2025, angestoßen durch die erneute Präsidentschaft von Donald Trump. Die täglichen, in den Medien verbreiteten, teils absurde Aussagen führten rasch zu einer inneren Abwehr. Der Impuls, das Weltgeschehen weiterhin zu verfolgen, wurde zunehmend zur Überwindungstat. Die kognitive Erschöpfung angesichts der grotesken Realität ließ den Wunsch wachsen, einen alternativen Umgang mit dieser Nachrichtenflut zu finden – eine künstlerische Strategie der Umdeutung.

Aus diesem entleerten Material – den geschwärzten Zeitungsseiten – entsteht eine neue, poetische Form: Hunderte händisch gefaltete Origami-Schmetterlinge. Fragile Wesen aus bedrucktem, aber nun bedeutungsfreiem Papier. Sie entsteigen einer Raumecke, breiten sich über zwei Wände hinweg in den Raum hinein aus und schweben wie Gedankenfetzen zwischen Fläche und Raum. Flüchtig, poetisch, fast schwerelos. Ihre Bewegung erscheint wie ein kollektives Aufatmen, ein zarter Widerstand gegen die Schwere der Welt. Eine leise Geste der Hoffnung.

Was bleibt, sind Spuren, Schatten, Andeutungen – ein Echo der Gegenwart, das zugleich vielstimmig und fragil ist. Jeder Falter steht für einen Moment des inneren Widerstands, der Transformation, der Neuverhandlung von Bedeutung. Die Installation wird zum lebendigen Organismus, in dem Leichtigkeit und Last koexistieren: Die fragile Schönheit der Schmetterlinge trifft auf das Gewicht ihrer Herkunft – Nachrichten, die Ängste schürten, Debatten auslösten und Realitäten formten.

Doch diese Arbeit will nicht nur beklagen. Sie wagt den utopischen Blick:

Stell dir vor, all die schlechten Nachrichten, die uns täglich überfluten, ließen sich in schöne neue Inspirationen verwandeln.
Stell dir vor, die Medien wären erfüllt von Geschichten über Versöhnung, Mitgefühl und Menschlichkeit.
Stell dir vor, wir würden morgens aufwachen und lesen, dass kein Kind mehr hungert, keine Bombe mehr fällt, kein Mensch mehr flieht.
Stell dir vor, Nachrichten würden uns nähren – nicht erschöpfen. Uns verbinden – nicht spalten.

In dieser Vision entfalten sich die geschwärzten Seiten zu Schmetterlingen, die das Gewicht der Welt in etwas Leichtes, Hoffnungsvolles verwandeln. Sie tragen keine Information mehr – und doch eine tiefe Bedeutung: Sie sind stille Zeugnisse eines inneren Wandels. Die Installation wird zur Metapher für Transformation, für das Unausgesprochene, für den Wunsch nach einem Ausbruch aus der Dunkelheit der Gegenwart.

„Die Geister, die ich rief…“ verweist auf die Ambivalenz unseres Medienkonsums – auf die Geister, die wir täglich beschwören, wenn wir konsumieren, klicken, urteilen. Doch zugleich verweist der Titel auf unsere Fähigkeit zur Wandlung. Was wäre, wenn wir das Unsichtbare sichtbar machen könnten – nicht das, was wir nicht mehr sehen wollen, sondern das, was wir noch nicht zu sehen wagen?

Diese Arbeit ist ein leiser, aber eindringlicher Aufruf: zum Innehalten, zum Träumen, zum Neudenken. Sie fragt nicht nur nach der Art, wie wir Medien konsumieren – sondern auch danach, wie wir Wirklichkeit mitgestalten: durch unsere Bilder, unsere Worte, unsere Entscheidungen.

Kerstin Bennier | 2025

The Spirits That I Summoned…

or: A Utopian Transformation Inspired by the Tales of One Thousand and One Nights

At the center of this artistic work once again lies the medium of the newspaper—traditionally a carrier of information, opinion, and world events. In this installation, however, it is stripped of its original function. Rather than representing reality, it becomes a symbol of collective overload, media exhaustion, and societal powerlessness. The headlines—filled with news of war, crisis, and climate catastrophe—are completely blacked out, rendered illegible. A deliberate gesture of refusal. An erasure of the visible—not out of ignorance, but from a profound need for transformation and inner pause.

The first vague idea for this work emerged at the beginning of 2025, triggered by the renewed presidency of Donald Trump. The daily media coverage, with its often absurd statements, quickly led to an inner resistance. Continuing to follow world events increasingly became an act of effort. Cognitive exhaustion in the face of a grotesque reality gave rise to the desire to find an alternative way of dealing with this flood of news—a artistic strategy of reinterpretation.

From this emptied material—the blacked-out newspaper pages—a new, poetic form emerges: hundreds of hand-folded origami butterflies. Fragile beings made of printed, yet now meaning-free paper. They rise from a corner of the room, spread across two walls into the space, and hover like fragments of thought between surface and volume. Ephemeral, poetic, almost weightless. Their movement appears like a collective exhalation, a gentle resistance to the heaviness of the world. A quiet gesture of hope.

What remains are traces, shadows, suggestions—an echo of the present that is at once polyphonic and fragile. Each butterfly stands for a moment of inner resistance, of transformation, of renegotiating meaning. The installation becomes a living organism in which lightness and burden coexist: the fragile beauty of the butterflies encounters the weight of their origin—news that fueled fears, sparked debates, and shaped realities.

Yet this work does not seek merely to lament. It dares to adopt a utopian gaze:

Imagine if all the bad news that floods us every day could be transformed into beautiful new inspirations.
Imagine if the media were filled with stories of reconciliation, compassion, and humanity.
Imagine if we woke up in the morning to read that no child is starving, no bomb is falling, no person is fleeing.
Imagine if news nourished us—rather than exhausting us. Connected us—rather than dividing us.

In this vision, the blacked-out pages unfold into butterflies that transform the weight of the world into something light and hopeful. They no longer carry information—and yet they carry profound meaning: they are silent witnesses to an inner change. The installation becomes a metaphor for transformation, for the unspoken, for the desire to break free from the darkness of the present.

“The Spirits That I Summoned…” alludes to the ambivalence of our media consumption—to the spirits we conjure daily when we consume, click, and judge. At the same time, the title points to our capacity for change. What if we could make the invisible visible—not what we no longer wish to see, but what we have not yet dared to see?

This work is a quiet yet insistent call: to pause, to dream, to rethink. It asks not only how we consume media, but also how we co-create reality—through our images, our words, and our decisions.

Kerstin Bennier | 2025

pictures: 2025 © Kerstin Bennier